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Samstag, 7. Juni 2025

Kapitel 2 - Zum ersten Mal in der Antike

Hallo Du!

 

Du wirst nicht glauben, was uns heute passiert ist! Wir können es selbst noch nicht glauben, aber vielleicht wird es ja etwas verständlicher, wenn du das hier liest! Und ganz vielleicht passiert dir ja irgendwann das Gleiche.

 

Alles Liebe,

Juna & Ilan

 

Wie an jedem Morgen wurde Juna bei Sonnenaufgang wach.  Doch heute war etwas anders als sonst. Statt direkt aufzuspringen und in einen neuen Tag voller Abenteuer zu starten, blieb sie noch eine kleine Weile im Bett liegen und betrachtete das Band an ihrem rechten Handgelenk. Es war das Geschenk, das sie am Vortag von ihrem Großvater zu ihrem elften Geburtstag bekommen hatte. Der Vogel auf dem silbernen Amulett zeigte einen Phönix, wie ihr Großvater das Tier genannt hatte. Von Ilan wusste sie, dass es sich dabei um ein Fabeltier handelte, doch das Abbild sah so lebensecht aus, dass Juna die ganze Zeit glaubte der Phönix würde im nächsten Moment aus dem Amulett springen und in Lebensgröße vor ihr stehen. Doch bevor sie noch länger grübeln konnte, öffnete sich die Verbindungstür zum Zimmer ihres Zwillingbruders und Ilan, noch im Pyjama, kam herein. Mit drei Schritten war er am Bett und ließ sich neben seine Schwester fallen. Das bemerkte sie aber kaum. Juna hing noch an dem Punkt fest, dass ihr Bruder freiwillig so früh, und dann auch noch vor ihr, aufgestanden war. Dementsprechend verblüfft musste sie ihn anschauen, denn Ilan setzte sofort an sich zu rechtfertigen: „Ich konnte nicht mehr schlafen! Mir geistert immer noch im Kopf herum, was Großvater gestern zu den Armbändern gesagt hat.“ Dabei richtete Ilan seinen Blick auf sein eigenes Armband am linken Handgelenk, auf dem ein Greif abgebildet ist.

„Ja“, stimmte Juna ihm zu, „das war wirklich komisch. Es klang fast so, als wüsste er irgendwas von dem wir keine Ahnung haben.“

„Genau! Aber warum sollte er so ein Geheimnis aus was auch immer machen? Ich mein, das sind doch nur einfache Armbänder?!“

„Immerhin sind sie hübsch“, fand Juna und zuckte dabei mit den Achseln. „Wir könnten ihn ja bei unserem nächsten Besuch fragen“, schlug sie dann aber doch noch nachdenklich vor. Die Zwillinge besuchten ihren Großvater einmal im Monat und verbrachten das Wochenende bei ihm.

„Bleibt uns kaum was anderes übrig“, stimmte Ilan ihr zu. Es störte ihn aber, dass er nicht sofort eine Lösung finden konnte. Für Juna hatte sich das Thema damit jedoch fürs Erste erledigt und deshalb sprang sie jetzt motiviert aus dem Bett.

„Na komm schon Ilan“, versuchte Juna auch ihren Bruder zum Aufstehen zu bewegen. „Mehr können wir gerade eh nicht machen. Und das Wetter soll heute auch wieder toll sein! Da will ich so lange draußen sein, wie es geht!“

„Schon gut“, stöhnte Ilan, rappelte sich auf und ging zurück in sein Zimmer.

Nachdem die beiden sich dann schließlich für den Tag fertig gemacht hatten, trafen sie sich auf der Treppe ins Erdgeschoss wieder. Sie gingen von dort aus weiter in die Küche, wo sie auf ihre Eltern trafen, die das Frühstück vorbereiteten.

„Guten Morgen ihr zwei“, begrüßte ihr Vater die Zwillinge, als sie die Küche betraten. „Ihr seid aber spät auf. Wart ihr so erschöpft von gestern?“, fragte er direkt im Anschluss mit einem Zwinkern.
„Aber Papa!“, beschwerte sich Juna auch sofort, „wir sind doch keine kleinen Kinder mehr!“

„Ach echt?“, tat ihr Vater daraufhin ganz erstaunt, „aber ich dachte, …“

„Ach hör schon auf die Kinder zu ärgern“, mischte sich nun auch die Mutter der Zwillinge ein. Sie verräumte gerade das gesäuberte Geschirr vom Vortag und gab den Zwillingen auch direkt einen Auftrag. „Räumt doch bitte das gute Geschirr zurück in den Schrank im Wohnzimmer. Dann können wir gleich im Anschluss direkt frühstücken.“

„Wenn es sein muss“, antworteten Juna und Ilan gleichzeitig und mit exakt dem gleichen genervten Unterton. Sie nahmen das Geschirr vom Tisch und gingen hinüber ins Wohnzimmer. Dort stand an einer Seite ein großer Schrank aus hellem Holz mit Glastüren, sodass dahinter das schöne Geschirr zu sehen war. Benutzt wurde es allerdings nur dann, wenn sie Besuch bekamen.

„Warum haben wir überhaupt so viel Geschirr?“, fragte Juna nicht zum ersten Mal, denn oft waren es die Zwillinge, die eben dieses Geschirr wieder verräumen mussten. Und diese Aufgabe war ganz schön lästig, in ihren Augen.

„Ich habe keine Ahnung“, antwortete Ilan so wie jedes Mal und zuckte dabei mit den Schultern.

„Ob es sowas in der Art wohl auch ganz, ganz früher gegeben hat?“, fragte er jetzt. Zwar las er deutlich mehr als seine Schwester, doch bis zu diesem Augenblick hatte er sich diese Frage noch nie gestellt.

In diesem Moment begannen die Amulette an den neuen Armbändern der Zwillinge zu glühen. Dabei wurden sie nicht heiß, sondern leuchteten einfach strahlend hell. Juna und Ilan bemerkten das Glühen jedoch nicht direkt und brauchten weitere Sekunden, um das Glühen den Amuletten zuzuordnen.

„Wa-was ist das?“, fragte Juna panisch und versuchte dem Glühen zu entkommen. Sie wollte sogar das Armband abnehmen, doch das ließ sich nicht lösen. Ilan wirkte genauso panisch und drehte sich im Kreis bei dem Versuch das Armband loszuwerden. Das Glühen breitete sich immer weiter aus, bis es die Kinder schließlich komplett umhüllte. Panisch schauten sich Juna und Ilan an und bemerkten dabei kaum, dass sich ihre Umgebung veränderte. Als sich das Glühen auflöste, standen die Zwillinge nicht mehr im Wohnzimmer neben dem Schrank mit dem guten Geschirr, sondern am Rand von etwas, das wie eine Siedlung wirkte.

„Wo sind wir hier?“, fragte Juna. Sie drehte sich dabei verwirrt im Kreis in der Hoffnung, das alles nur eine Illusion wäre. Ilan schaute sich ebenfalls panisch um und konnte sich keinen Reim auf das Geschehene machen. 

„Ihr seid in Ietas“, beantwortete eine fremde, männliche Stimme Junas Frage. Als nun Ilan sich daraufhin überall umsah und die Stimme zunächst nicht zuordnen konnte, fiel ihm auf, dass sie nicht nur nicht mehr im heimischen Wohnzimmer standen, sondern auch noch andere Kleidung trugen. Statt ihren Hosen und T-Shirts, hatten sie nun plötzlich etwas an, dass nur eine Tunika mit Gürtel sein konnte.

Von der Stimme fehlte aber immer noch jede Spur.

„Hier unten“, rief da eine andere, weibliche Stimme. Als die Zwillinge daraufhin auf den Boden schauten, sahen sie zwei fremde Wesen und sprangen erschrocken zurück. Die Wesen reichten den Kindern etwa bis zum Knie. Das eine Tier sah einem Vogel ähnlich und das andere schien eine Mischung aus einem Löwen und einem Raubvogel zu sein. Oh, in diesem Moment erkannten die Zwillinge die Ähnlichkeiten zu den Tieren auf ihren Armbändern. Das vogelähnliche Wesen war ein Phönix, der mit seinem dunkelroten Gefieder und den goldenen Akzenten an den Flügelkanten und den Schwanzfedern sehr majestätisch aussah. Die Krallen und der Schnabel glänzten in einem hellen Braun. Das Vorderteil des anderen Wesens gehörte zu einem Adler, während das Hinterteil von einem Löwen stammt. Der sogenannte Greif war hauptsächlich hellbraun mit orangen und roten Akzenten, vor allem an den Flügeln. Das Gefieder wurde zum Kopf hin heller und der Schnabel leuchtete in einem hellen Goldton.

„I-ihr sei-seid echt?!“, stotterte Ilan mit ebenso weit aufgerissenen Augen wie seine Schwester.

„Aber natürlich sind wir echt“, erwiderte der Phönix von sich selbst überzeugt, „schließlich sind wir in der Vergangenheit!“ Daher kam also die weibliche Stimme, dachte sich Juna, aber warte, was? Wir sind in der Vergangenheit? Genau das fragte auch Ilan in diesem Moment, allerdings stellte er die Frage laut und dachte sie nicht nur.

„Ja, Ilan. Ihr seid gerade in der Zeit zurückgereist“, bestätigte der männliche Greif. „Eure Armbänder ermöglichen euch die Zeitreise, wenn ihr euch wirklich für etwas aus der Vergangenheit interessiert. Dann schicken sie euch an einen Ort, an dem ihr das selbst erleben und entdecken könnt.“

„Und als Unterstützung werden wir lebendig. Wir können euch helfen euch zurecht zu finden, aber auch eure Fragen beantworten“, vervollständigte der Phönix die Erklärung. „Ich bin übrigens Solara“, stellte sie sich schließlich vor und winkte dabei etwas umständlich mit einem ihrer Flügel.

„Ich heiße Velarion“, fügte der Greif hinzu. „Denkt nur daran, dass wir nur für euch sichtbar sind. Das ist ein Teil der Magie.“

Juna und Ilan starrten die beiden offensichtlich magischen Tierwesen mit offenen Mündern und aufgerissenen Augen an und versuchten zu verstehen, was gerade vor sich ging.

„Nun beeilt euch doch mal“, fing Solara an zu drängeln. „Ich rieche vorzügliches Essen in der Nähe.“

„Ach gib ihnen doch eine Minute“, versuchte Velarion sie zu beruhigen und warf ihr gleichzeitig einen warnenden Blick zu. „Du weißt doch, dass jedes neue Kind ein paar Minuten braucht, um das alles zu verarbeiten.“

„Es gibt noch andere Kinder?“, fragte Juna und war sofort Feuer und Flamme für diese Idee.

„Da es noch ein paar weitere Armbänder gibt, die auch jeweils von ihrem Vorgänger an einen geeigneten Nachfolger weitergegeben werden, gibt es natürlich auch noch ein paar andere Kinder, die in der Zeit reisen können“, erklärte Velarion wichtigtuerisch. „Aber ihr werdet ihnen wahrscheinlich nie begegnen, da sie auf dem ganzen Planeten verteilt sind.“

„Och schade“, fand Juna.

„Dafür habt ihr ja uns“, schaltete sich Solara wieder ein. „Wir stehen euch bei, helfen euch in der Vergangenheit und ermöglichen euch die sicheren Reisen.“

„Ihr bekommt also auch in der Gegenwart alles mit und könnt entscheiden, wann ihr uns in der Zeit zurückreisen lasst?“, fragte Ilan auch sofort, der langsam wieder zu sich selbst und seiner schnellen Auffassungsgabe zurückfand.

„Du hast es ganz richtig erfasst“, bestätigte Velarion und fügte weiterhin hinzu, „und genauso können wir euch auch wieder zurück in die Gegenwart schicken. Sobald ihr erfahren habt, was euch zuvor so sehr interessiert hat, werdet ihr automatisch wieder in die Gegenwart gezogen.“

„Cool!“, fand Juna und begeisterte sich langsam, aber sicher für diese Reise. Auch Ilan wollte fürs Erste daran glauben, dass dies eine tolle Möglichkeit war. Trotzdem blieb ein restliches bisschen Skepsis. Das behielt er aber zunächst für sich. Stattdessen fragte er: „Was ist dieser Ort, an den ihr uns gebracht habt? Etas? Ites? Itas?“

„I-etas!“, vervollständigte Solara, schon ein wenig genervt. Für sie konnte alles nie schnell genug gehen.

„Wir sind auf Sizilien, der großen Insel unter Italien und befinden uns auf einem Berg etwas im Inland. Und hier wurde diese Siedlung, Ietas, errichtet“, trug Velarion fast schon lehrerhaft vor.

„Soll das jetzt etwa eine Geschichtsstunde werden?“, fragte Juna auch sogleich perplex.

„Aber nein!“, sagte Solara. „Velarion kann manchmal einfach nicht anders. Er liebt Bücher und saugt neues Wissen auf wie ein Schwamm“, ergänzte sie. „Leider vergisst er oft, dass ihr euch vielleicht nicht so sehr für die Details interessiert wie er.“ Nachdem sie das gesagt hatte, öffnete sie ihre Flügel und erhob sich anmutig in die Luft, sodass sie nun knapp über den Köpfen der Kinder ihre Kreise zog. „Kommt, lasst uns aufbrechen! Ich glaube ganz in der Nähe gibt es eine Art antikes Restaurant. Da könnten wir uns anschauen, wie die Menschen im römischen Reich ihr Essen serviert haben.“ Daraufhin flog sie langsam in die Richtung, aus der sie schon seit ihrer Ankunft den Duft von etwas Essbarem wahrnahm.

„Na kommt“, schloss sich ihr Velarion an und schubste die Kinder sanft in die vorgegebene Richtung. „Hier ist gerade Mittagszeit, also werden einige Bewohner der Siedlung hier auf der sogenannten Agora etwas essen wollen.“

„Was ist diese Agora?“, fragte Ilan sofort.

„Das ist ein großer Platz, an dessen Seiten sich viele Gebäude befinden. In diesen wird zum Teil Essen verkauft, aber es gibt auch Gebäude für Versammlungen oder das politische Leben.“

„Wow!“, staunte Ilan daraufhin. Und als sie kurz darauf den großen Platz betraten, machte nicht nur er große Augen. Auch Juna hatte ihre Augen weit aufgerissen und wollte am liebsten alles auf einmal anschauen. Es war also kaum verwunderlich, dass die beiden mitten auf dem Platz stehen blieben und sich erst einmal langsam im Kreis drehten, im Versuch so viel wie möglich zu sehen.

„Ein andermal können wir uns mehr Orte wie diesem anschauen“, versuchte Velarion die beiden sanft wieder auf das eigentliche Ziel dieser Zeitreise zurückzulotsen. „Wisst ihr, Solara kann ganz schön unangenehm werden, wenn sie Hunger hat und so ungeduldig wie sie über unseren Köpfen kreist…“

„Oh ja“, stellte Juna mit einem Blick nach oben fest. „Ich bin auch immer schlecht gelaunt, wenn ich Hunger habe. Vielleicht sollten wir wirklich weitergehen.“ Sie wollte zwar am liebsten alles auf einmal entdecken, aber sie fürchtete, dass sie sich dann später nichts mehr behalten konnte. Und sie wollte doch so gerne jede einzelne Sekunde in Gedanken festhalten. 

„Auf geht’s“, jubelte Solara über ihnen, als sie die Aufbruchsstimmung der anderen bemerkte. Sie flog erneut vorweg, während es Velarion vorzuziehen schien neben den Zwillingen zu laufen. Solara führte sie weg vom Platz in eine schmale, abwärtslaufende Gasse. An deren Ende gingen sie dann rechts und standen direkt am Eingang zu einem Gebäude.

„Ah, da sind wir“, strahlte Solara. „Eine richtige Garküche! Hier bekommt man verschiedene Speisen, ob warm oder kalt und natürlich auch Getränke!“

„Wow!“, staunte Juna und sah sich um, soweit das mit all den Menschen möglich war.

„Das ist der Essbereich“, sagte Velarion, was die Menschen, die dort standen und etwas aßen oder tranken, erklärte.

„Oh, schau dir die Theke dahinten an“, rief Ilan aus, als er diesen in einer Lücke zwischen den Menschen entdeckte.

„In die Theke sind einige große Gefäße eingelassen, in denen einige der kalten Speisen aufbewahrt werden“, erklärte Solara nun, die aus der Luft natürlich bedeutend mehr sah als die Zwillinge und Velarion am Boden.

„Echt?“, fragte Juna. Sie konnte das alles nicht so ganz glauben. Das wirkte alles so unwirklich.

„Aber ja“, bestätigte nun wieder Velarion. „Wir können uns bei einem eurer nächsten Besuche mal genau anschauen, was die Menschen in der Antike eigentlich so alles gegessen haben. Heute wollen wir uns auf das Geschirr konzentrieren.“

„Seht ihr die zum Teil sehr schicken Schüsseln und Kelche, aus denen die Menschen hier trinken?“ Velarion schien derjenige zu sein, der Juna und Ilan heute alles erklären wollte. Als die Zwillinge selbst einen genaueren Blick auf die Gegenstände in den Händen der Menschen um sie herum warfen, sahen sie was Velarion meinte.

„Das ist Geschirr, welches wir heute Terra Sigillata nennen“, erklärte Velarion weiter. „Es ist besonders schön durch diese glatte hellrote, fast schon orange Oberfläche und seht ihr all diese verschiedenen Motive?“ Die Zwillinge bejahten und sahen noch genauer auf die einzelnen Gefäße.

„Oh sieh nur“, rief Juna kurz darauf, „da sind Girlanden und Tiere drauf!“

„Und da hinten hält ein Mann einen Becher oder so, auf dem jemand Flöte spielt!“, folgte Ilan.

„Richtig. Diese Keramik hat zum Teil sehr viele Verzierungen und wurde ab etwa 40 vor Christus hergestellt.“

„Wow!“, fand Ilan. „Aber in welchem Jahr sind wir denn, wenn es die Keramik gerade gibt?“ Diese Frage brannte ihm schon seit einer ganzen Weile unter den Nägeln. Aber gleichzeitig gab es viel zu viel, dass es zu entdecken galt.

„Wir sind im Jahr 5 nach Christus“, rief Solara da von oben dazwischen. Die Zwillinge rissen ihre Augen und Münder daraufhin noch weiter auf. Eine Jahreszahl machte das ganze Erlebnis gleich ein wenig realer.

„Kommt“, scheuchte Velarion sie weiter. Sie waren schon recht lange in der Vergangenheit und er wollte die Fragen der Kinder beantworten bevor es Zeit war in die Gegenwart zurückzukehren. Also gingen sie alle ein wenig weiter in die Garküche hinein und drängten sich dazu an den Männern vorbei, die sich in diesem ersten Bereich befanden. Als sie nahe genug an dem Tresen standen, ließ Velarion die Zwillinge einen Blick nach oben werfen.

„Seht ihr da oben dieses Zwischengeschoss?“ Als Juna und Ilan bejahten, fuhr er fort: „Darauf könnt ihr sogenannte Amphoren erkennen. Durch ihre oft sehr langgezogene Form, eigneten sie sich hervorragend für den Transport von Lebensmitteln. Und das über mehrere Hundert Jahre!“

„Aber die können doch nicht aufrecht stehen!“, warf da Ilan ein. Er hatte nämlich das spitze Ende von einer dieser großen Gefäße entdeckt.

„Da hast du recht“, bestätigte Solara und ergänzte, „aber sie eignen sich so besonders gut für den Transport auf und mit Schiffen. Dort werden sie gestapelt und liegend gelagert. Sie transportieren so vor allem Olivenöl und Wein, aber auch eine Fischsoße oder Fische selbst. Mit Stempeln wurde das dann auf der Amphore festgehalten, sodass der Empfänger auch sichergehen konnte, dass er das Richtige bekam. Erst später werden sie dann oft zum Lagern von anderen Lebensmitteln verwendet.“

„Wow!“, Juna bekam ihren Mund vor lauter Staunen gar nicht mehr zu.

„Und was sind das für Sachen?“, fragte Ilan, der seinen Blick hatte schweifen lassen und nun auf etwas hinter dem Tresen schaute.

„Du meinst die Formen, in denen sie Brot backen?“, versicherte sich Velarion.

„Ja“, bestätigte Ilan auch sogleich. „Die sehen so einfach aus, aber das Brot bleibt gar nicht haften.“

„Da hast du recht“, stimmte Velarion zu. „Archäologen nennen diese Formen pompejanischrote Kochplatten.“ In diesem Moment brachte jemand eine solche Form näher an den Tresen und die Kinder konnten sehen, dass diese Platten innen einen leuchtendroten Überzug hatten. „Dieser Überzug hat ihnen den Namen gegeben. Er erinnert an ein ganz bestimmtes Rot, dass wir uns wann anders mal ganz genau anschauen werden. Wichtig ist aber, dass diese Beschichtung wirkt wie bei den Pfannen, die ihr heute in der Küche benutzt. Dadurch bleibt nichts im Inneren haften und das Brot oder was auch immer gerade darin gegart wird, löst sich einfach ab.“

„Das ist cool“, fand Juna und Ilan nickte zustimmend.

„Und dabei sehen sie so unscheinbar aus!“, fügte Ilan noch hinzu. Denn ohne den Überzug würden sie sich kaum von dem restlichen Kochgeschirr unterscheiden. Ansonsten sah man nämlich noch viele weitere Töpfe und pfannenähnliche Gefäße in der Garküche.  

 

 „Ihr seht also, dass es auch in der Antike bei den Römern schon verschiedenes Geschirr gab. Hier habt ihr jetzt einen kleinen Ausschnitt gesehen, aber es gibt natürlich noch viel, viel mehr. Und unzählige Formen und Nutzungen, aber das wäre wohl etwas zu viel auf einmal“, ergänzte Solara von oben. „Also lasst uns wieder zurückgehen!“, sagte sie, ging in einen kleinen Sturzflug über und stibitzte ein kleines Stück Fleisch. Sie schwang sich wieder in die Luft und verschwand aus der Garküche.

„Sie hat recht“, stimmte ihr Velarion zu, obwohl sie bereits außer Hörweite war. „Nicht mit ihrem Essensdiebstahl!“, ergänzte er sogleich, „sondern damit, dass wir zurückkehren sollten.“
„Aber wieso das denn?“, fragten die Zwillinge im Chor. „Es gibt doch noch soooo viel zu sehen!“

„Da habt ihr natürlich recht“, bestätigte Velarion sofort, „aber auch wenn die Zeit in der Gegenwart fast gar nicht vergeht, wenn ihr in der Vergangenheit seid, so gibt es doch eine zeitliche Grenze, die nicht überschritten werden kann.“

„Wie lange ist das?“, fragte Ilan, der sofort alles wissen wollte und schon fast wieder vergessen hatte, was er vorher wollte.

„Ihr könnt maximal für eine Stunde in der Vergangenheit sein. Nach Ablauf dieser Zeit werdet ihr automatisch zurückgeschickt. Egal wo ihr dann gerade seid! Und damit das nicht so auffällig ist, sollten wir jetzt zurückgehen.“ Und damit scheuchte Velarion die Zwillinge vor sich her nach draußen. Sie folgten der Rampe zurück auf die Agora und gingen zurück zu der Stelle, an der ihre Reise begonnen hatte.

„Wie genau reisen wir denn zurück?“, fragte Ilan.

„Wenn die Zeit noch nicht abgelaufen ist, ihr aber alles gesehen habt, was euch interessierte, dann müsst ihr nur euer Amulett berühren und euch fest vorstellen, dass ihr wieder dorthin zurückkehrt, wo ihr in der Gegenwart wart“, erklärt Velarion.

„Viel Glück“, sagte Solara. „Wir sehen uns bei eurer nächsten Reise wieder!“

Auch Velarion verabschiedete sich schon einmal von den Zwillingen. Und nach einem kurzen Blickwechsel berührten Juna und Ilan ihre Amulette und wünschten sich zurück ins heimische Wohnzimmer.

Nach einigen Sekunden begannen die Amulette erneut zu glühen. Dieses breitete sich immer weiter aus, bis es die Zwillinge ganz erfasst hatte und innerhalb eines Wimpernschlages standen sie wieder im Wohnzimmer. Vor ihnen das restliche gute Geschirr, das sie noch nicht verräumt hatten.

„Kinder, beeilt euch!“, rief ihre Mutter in diesem Augenblick aus der Küche. „Wir wollen frühstücken!“

Juna und Ilan schauten sich an. Sie waren sich nicht sicher, ob das gerade wirklich passiert war. Aber als Ilan sein Notizbuch aus der Hosentasche zog, sah er einen neuen Eintrag. Dieses hatte er in der Vergangenheit benutzt, um sich einige der Infos aufzuschreiben.

„Kinder!“, rief nun auch ihr Vater.

Mit einem Blick verständigten sich die Zwillinge, dass sie später über ihren Ausflug sprechen würden. Jetzt beeilten sie sich das restliche Geschirr zu verräumen und gingen in die Küche zu ihren Eltern.

 
 
Die nächste Geschichte folgt am 30. Juli 2025.
 
 

Wusstest du, dass die antike Stadt Ietas bereits seit 1971 von Archäologen aus Zürich (Schweiz) und Innsbruck (Österreich) ausgegraben wird? Wenn du mehr über die Siedlung und das, was sie dort gegessen haben (etwa fünfhundert Jahre (!) bevor Juna und Ilan die römische Stadt besucht haben) wissen möchtest, kannst du dir diese Website anschauen: 

https://storymaps.arcgis.com/stories/153f00eb580a42e1ba5bf0e7e0595182 

Dort kannst du selbst entscheiden, wie viel du lesen und lernen willst, also schau mal vorbei, wenn du mehr über die antike Stadt Ietas zur Zeit der Griechen erfahren möchtest!

 
 
 
 
Abbildungsnachweise: 
Bild 1: Juna & Ilan in römischen Tuniken
        ©  OpenAI ChatGPT. "Generiert auf Benutzeranfrage." 2025
Bild 2: Solara und Velarion
        © OpenAI ChatGPT. "Generiert auf Benutzeranfrage." 2025
Bild 3:  Beispiele römischer Keramik
        1. Amphoren aus Bodrum (Türkei)
            © Tim Rogers. Bodrum Castle. 07.09.2004 (CC BY-SA 3.0)
        2.  gaulischer Terra Sigillata Becher
            © The Trustees of the British Museum (CC BY-NC-SA 4.0)
        3.  Umzeichnung einer Pompejanisch-roten Platte
            © D. Herdemerten. 28.02.2021 (CC BY-SA 4.0)